Ich glaube, wir sind gar nicht so weit auseinander, wie es vielleicht wirkt.
Du beschreibst doch selbst eine Bibliothek, in der jeder willkommen ist, Menschen Medien wünschen können und sich frei informieren dürfen. Für mich ist das bereits gelebte Demokratie. Nicht im Sinne von Parteipolitik oder einem Erziehungsauftrag, sondern ganz praktisch.
Und ehrlich gesagt verstehe ich nicht, warum der Begriff „Ort der Demokratie“ gerade bei Bibliotheken so viele Emotionen auslöst. Bei Schulen, Theatern, Museen oder Volkshochschulen wird das doch seit Jahrzehnten ganz selbstverständlich so gesehen. Theater haben schon immer gesellschaftliche Debatten angestoßen, Museen helfen dabei, Geschichte und Gegenwart zu verstehen, Volkshochschulen stehen für Bildung und Teilhabe. Und Schulen sind ausdrücklich Orte demokratischer Bildung.
Deshalb müssen auch Lehrkräfte nicht „neutral“ im Sinne von wertneutral sein. Sie müssen niemanden parteipolitisch beeinflussen, aber selbstverständlich stehen sie für die Werte des Grundgesetzes ein. Menschenwürde, Gleichberechtigung und die freiheitlich-demokratische Grundordnung sind keine beliebigen Meinungen unter vielen. Das Gleiche gilt für Beschäftigte im öffentlichen Dienst allgemein.
Und genau deshalb sehe ich auch Bibliotheken nicht als neutrale Räume im Sinne einer völligen Wertfreiheit. Sie sind offen für alle Menschen, aber sie stehen gleichzeitig für Informationsfreiheit, Bildung, Teilhabe und die Werte unseres Grundgesetzes. Das ist aus meiner Sicht kein Widerspruch, sondern ihr eigentlicher Auftrag.
Ich sehe auch keinen Gegensatz zu den Themen, die du ansprichst. Im Gegenteil. Leseförderung, Medienkompetenz, MINT-Projekte, die Zusammenarbeit mit Kitas oder Unternehmen – all das gehört doch dazu. Wer lesen kann, Informationen einordnen kann und Zugang zu Wissen hat, kann auch besser am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.
Und ganz ehrlich: Diese Forderung nach einer angeblich vollkommenen „Neutralität“ öffentlicher Einrichtungen wird in den letzten Jahren vor allem von rechts sehr stark in den Vordergrund gestellt. Dabei entsteht häufig der Eindruck, Demokratie, Menschenrechte oder die freiheitliche Grundordnung seien nur eine Meinung unter vielen, zu denen sich staatliche oder öffentliche Einrichtungen besser nicht äußern sollten.
Ich halte das für ein Missverständnis. Öffentliche Einrichtungen sind nicht zur Wertneutralität verpflichtet, sondern an das Grundgesetz gebunden. Und genau deshalb sind Bibliotheken, Schulen, Museen, Theater und Volkshochschulen für mich ganz selbstverständlich Orte der Demokratie. Eigentlich waren sie das schon immer.