Library Reference Model: Entitäten-Struktur von Zusammenstellungen und Mehrteiligen Monografien

Hallo zusammen,

ich versuche gerade das Library Reference Model genauer zu verstehen und habe mich gefragt, wie die WEMI-Entitäten-Struktur sich auf Zusammenstellungen und Mehrteilige Monografien anwenden lässt. Ich habe mal einen Versuch gewagt, das graphisch darzustellen und würde mich über Feedback freuen, ob die Darstellung richtig ist oder ich auf dem Holzweg bin.

Vielen Dank!

Anna

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Hallo ACoordes, das Bild für mehrteilige Monografie stimmt. Bei der Zusammenstellung stimmt es nicht. Du hast Werk 1, Werk 2 und Werk 3, alle drei haben erst einmal eigene Expressionen und werden dann in einer Manifestation zusammen veröffentlicht, wovon man dann wieder ein Exemplar kaufen kann.

Danke für deine Antwort! Mich wundert dabei nur, dass Herausgeber ja Akteure sind, die als Mitwirkende in Beziehung zur Expression stehen, deswegen dachte ich, dass eine Zusammenstellung eine eigene Expression ist.

Was ich auch verwirrend finde, ist, dass um die Beziehung zwischen der Zusammenstellung und ihren logischen Teilen darzustellen, das Element „Mit Manifestation in Beziehung stehende Manifestation“ verwendet wird. Nach meinem Schaubild müsste es ja eine „Mit einem Werk in Beziehung stehende Manifestation“ / „Mit einer Manifestation in Beziehung stehendes Werk“ sein oder nach KaGaes Korrektur „Mit einer Expression in Beziehung stehende Manifestation“ / „Mit einer Manifestation in Beziehung stehende Expression“.

https://sta.dnb.de/doc/RDA-R-ZUSAM#Mit-Manifestation-in-Beziehung-stehende-Manifestation

https://sta.dnb.de/doc/RDA-E-M615#Spezialregeln

Ich wurde auf diese Regelwerkstelle aufmerksam gemacht:

Mehrere in der Manifestation verkörperte Werke in der zusammengesetzten Beschreibung
Wenn in einer Manifestation mehrere Werke verkörpert sind, wird die Zusammenstellung selbst als eigenes Werk gesehen, wenn sie einen eigenen, übergeordneten Titel aufweist oder ein Formaltitel für die Zusammenstellung bestimmt wird. Das Werk der Zusammenstellung gilt in diesen Fällen als das hauptsächliche Werk gegenüber den darin enthaltenen Werken. In der zusammengesetzten Beschreibung wird die Zusammenstellung selbst als das in der Manifestation verkörperte Werk angegeben. Zu den enthaltenen Werken kann fakultativ eine Beziehung erfasst werden durch Erfassen eines Identifikators, eines normierten Sucheinstiegs, einer strukturierten oder einer unstrukturierten Beschreibung des enthaltenen Werks

https://sta.dnb.de/doc/RDA-A-ZUSAM#Mehrere-in-der-Manifestation-verkorperte-Werke-in-der-zusammengesetzten-Beschreibung

Demnach müsste die WEMI-Struktur so aussehen:

Aber müssten Herausgebende dann nicht Geistige Schöpfer anstatt Mitwirkende sein, wenn sie in dieser Funktion ein eigenes Werk schaffen können?

Und ist es dann so, dass für die Darstellung der Beziehung einer Zusammenstellung zu den in ihr enthaltenen Werken bei einer umfassenden Beschreibung das Element „Mit Manifestation in Beziehung stehende Manifestation“ verwendet wird und bei einer zusammengesetzten Beschreibung das Element „Mit Werk in Beziehung stehendes Werk“?

Hallo zusammen,

bei der Frage muss man unterscheiden zwischen der Umsetzung im deutschsprachigen Raum und der offiziellen Theorie im LRM.

Bei unserer Umsetzung im deutschsprachigen Raum gehen wir sehr pragmatisch vor und orientieren uns an der früheren FRBR-Theorie. Diese hatte die Vorstellung eines „Mosaik-Werks“, d.h. eine Zusammenstellung mehrerer Werke ist selbst wiederum ebenfalls ein Werk. Es gibt also ein „Zusammenstellungswerk“ und entsprechend auf den anderen Ebenen eine „Zusammenstellungsexpression“ und eine „Zusammenstellungsmanifestation“. Auf jeder Ebene kann man Teil-Ganzes-Beziehungen herstellen: Das Zusammenstellungswerk besteht aus mehreren Teilen (den Einzelwerken), die Zusammenstellungsexpression besteht ebenfalls aus mehreren Teilen (den Expressionen der Einzelwerke), die Zusammenstellungsmanifestation besteht aus mehreren Manifestationen (den Manifestationen der Einzelwerke). Dieses Modell wurde aber schon vor vielen Jahren von der „IFLA Working Group on Aggregates“ verworfen wurde.

Stattdessen entwickelte diese Arbeitsgruppe eine ganz andere Theorie, die angeblich „ganz einfach“ ist, faktisch aber sehr, sehr schwierig zu verstehen und m.E. in vielerlei Hinsicht kontraintuitiv ist. Diese Theorie ist ins LRM eingegangen und wurde von dort auch ins offizielle RDA Toolkit übernommen. Für RDA DACH haben wir das aber bisher bewusst nicht implementiert.

Der Einfachheit halber kopiere ich den Erklärungstext aus der in Bälde erscheinenden 3. Auflage von „Basiswissen RDA“ mal hier hin:


Eine weitere wichtige Änderung betrifft die Modellierung sogenannter Zusammenstellungen oder Aggregate (Aggregates). Gemeint sind Manifestationen, in denen mehrere Werke verkörpert sind (Aggregat-Manifestationen) – z. B. ein Band mit zehn Aufsätzen verschiedener Verfasser:innen. Nach dem traditionellen Verständnis wird der Aufsatzband als Ganzes als ein eigenes Aggregat-Werk betrachtet. Zwischen diesem und den einzelnen Aufsätzen besteht eine Teil-Ganzes-Beziehung auf der Werk-Ebene. Erscheint der Aufsatzband in einer 2. Auflage (z. B. mit einigen aktualisierten oder zusätzlichen Aufsätzen), würde man dies als eine neue Expression des Aggregat-Werks – d. h. eine Aggregat-Expression – betrachten. In diesem Verständnis kommen Aggregate also gleichermaßen auf den Ebenen der Manifestation, der Expression und des Werks vor.

Das LRM modelliert Aggregate ganz anders, denn es kennt nur Aggregat-Manifestationen, aber keine Aggregat-Expressionen oder Aggregat-Werke. Gemäß seiner Logik sind in dem als Beispiel angeführten Aufsatzband nicht zehn Werke verkörpert, sondern elf. Das elfte Werk steht für die intellektuelle Leistung der Herausgebenden beim Aggregieren der einzelnen Aufsätze. Der Vorgang der Zusammenstellung selbst wird also als ein eigenes Werk betrachtet. Dieses wird als Aggregierungs-Werk (Aggregating work) bezeichnet und darf nicht mit einem Aggregat-Werk (Aggregate work) verwechselt werden – ein solches gibt es nach LRM nicht. Das Aggregierungs-Werk wird durch eine Aggregierungs-Expression realisiert.

Das LRM-Modell für Aggregate ist komplex und teilweise kontraintuitiv. Schon dass das Planen und Konzipieren eines Aufsatzbands denselben Charakter (den eines Werks) haben soll wie die Aufsätze selbst, ist nicht leicht nachvollziehbar. Auch bleiben manche Fragen offen: Wie lassen sich die normalen Merkmale von Werken und Expressionen auf Aggregierungs-Werke und Aggregierungs-Expressionen anwenden – was ist beispielsweise der bevorzugte Titel des Werks oder der Inhaltstyp der Expression? Und müsste dann nicht auch der Plan bzw. das Konzept für einen einzelnen Aufsatz oder einen Roman den Charakter eines eigenen Werks besitzen? Das Modell führt außerdem zu einer Ungleichmäßigkeit zwischen Einzelwerken und Aggregaten: Während eine Übersetzung oder eine Überarbeitung bei einem Einzelwerk nur als eine neue Expression gilt, führt eine Übersetzung oder Überarbeitung bei einem Aggregat automatisch zu einem neuen Werk. Denn sobald andere Expressionen aggregiert werden, liegt ein neues Aggregierungs-Werk vor. Dieses Phänomen wird als „Werk-Expressions-Sperre“ (Work-Expression lock, WE lock) bezeichnet.


Viele Grüße!

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Vielen Dank für die Erläuterung von der Expertin - so ganz bin ich noch nicht durchgestiegen, bin aber auch nicht der RDA-/FRBR-Kenner :wink:

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Vielen Dank für die Erklärung!! Also stellen wir uns im DACH-Raum eine Zusammenstellung so vor?

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Ja, sieht für mich schlüssig aus!

Für die praktische Umsetzung ist noch wichtig, dass nicht alle Beziehungen, die im Modell vorhanden sind, bei der Katalogisierung tatsächlich auch irgendwie ausgedrückt werden müssen.

Bei einer Aufsatzsammlung macht man in der Regel mit den logischen Teilen gar nichts (allenfalls Scan des Inhaltsverzeichnisses). Wenn man z.B. einen Band mit drei Romanen hat, ist es schon eher üblich, die Teil-Ganzes-Beziehung abzubilden. Oft wird das nur auf der Manifestationsebene gemacht. Wenn es sich um eine Übersetzung handelt, kann es sinnvoll sein, zusätzlich die Teil-Ganzes-Beziehung auf der Werkebene abzubilden (damit man auch die Originaltitel recherchieren kann). Teil-Ganzes-Beziehungen auf der Expressionsebene werden in der Regel nicht explizit abgebildet.

Alternativ zu dem komplexen Diagramm kann man sich auch ein simpleres Diagramm vorstellen, dass nur mit dem Beziehungselement „In einer Manifestation verkörpertes Werk“ arbeitet. Das ist ja eine „Short-Cut-Beziehung“, die die Expressionsebene ganz überspringt. Hier kommt man dann auf die etwas eigenartig wirkende Situation, das in der Manifestation sowohl das Zusammenstellungswerk als auch die Einzelwerke verkörpert sind. Darauf bezieht sich die von Ihnen in einem früheren Post zitierte Stelle:

Das Werk der Zusammenstellung gilt in diesen Fällen als das hauptsächliche Werk gegenüber den darin enthaltenen Werken. In der zusammengesetzten Beschreibung wird die Zusammenstellung selbst als das in der Manifestation verkörperte Werk angegeben

Und noch ein letzter Hinweis zu diesem wirklich komplizierten Thema (bei dem auch mir immer wieder der Kopf raucht):

Wenn wir eine mehrteilige Monografie vorliegen haben, muss man auch schauen, ob die Teile abhängige oder unabhängige Titel haben. Wir haben pragmatisch festgelegt, dass bei einem Teil mit abhängigem Titel gar kein Werk beschrieben wird (z.B. der zweite Band eines Lexikons mit dem Titel „H bis O“). Entsprechend kann es in einem solchen Fall keine Teil-Ganzes-Beziehung auf der Werk-Ebene geben. Anders ist es bei Teilen mit unabhängigen Titeln. So ist im 1. Band einer dreibändigen Herr-der-Ringe-Ausgabe das Werk „Tolkien, J.R.R., 1892-1973. The fellowship of the ring“ verkörpert und dieses ist ein Teil des Gesamtwerks „Tolkien, J.R.R., 1892-1973. The lord of the rings“.

Viele Grüße
Heidrun Wiesenmüller

P.S.: Kleiner Werbeblock in eigener Sache: Die 3. Auflage von „Basiswissen RDA“ erscheint voraussichtlich am 19. Oktober. Als kleinen Preview haben wir das Vorwort zur Neuauflage vorab veröffentlicht: Bald ist es soweit: Die 3. Auflage erscheint! - Basiswissen RDA

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