"Lesestart 1-2-3" wird vom Familienministerium nicht mehr gefördert

Das wirklich sehr gute, bewährte und so viele Kinder begeisternde Programm „Lesestart 1-2-3-“ läuft 2027 aus. Ich empfinde das auch als einen Schlag ins Gesicht der Bibliotheken. Aus der Praxis kann ich nur berichten, wie viele Kinder man glücklich machen konnte und wie viele sich dadurch einen Bib-Ausweis geholt hatten und auf das Angebot der Bibliotheken überhaupt erst aufmerksam wurden. Gerade die Verknüpfung „U-Untersuchung - Bibliotheken“ war genial. Als ich die Nachricht vor einiger Zeit gelesen hatte, war ich sehr traurig.

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Nachdem ich bei „Lesestart – Drei Meilensteine für das Lesen“ den Eindruck gewonnen hatte, dass das nichts bringt, stellte ich mir die Frage: Liegt es an mir? Ich suchte nach der angekündigten Evaluation, konnte sie aber nirgends finden. Das mit der Evaluation beauftragte Unternehmen „Interval“ antwortete auf meine Anfrage, dass die Evaluation vom Auftraggeber nicht freigegeben wurde.

Ich bin sicher, dass die Give-aways die Kinder für einen Augenblick glücklich gemacht haben. Bibliotheksleiter sind auch glücklich, wenn sie etwas verschenken können und damit im Jahresbericht über den Moment hinaus glänzen können. Doch bei der Frage des Outcomes habe ich große Zweifel.

Dass gerade bei der Sprachförderung viel Leerlauf produziert wird, belegen Egert/Sachse/Buschmann/Cordes (978-3-8252-5837-5). Da stellt sich die Frage nach der Evidenzgüte der Evaluation, die leider nicht überprüft werden kann. Schade. Angesichts der Nullnummern in der Sprachförderung fordern die genannten Autorinnen eine datenbasierte Förderung. Vielleicht steht hinter der Entscheidung ja gar kein böser Gesichtsschlag-Wille, sondern eine vernünftige Einsicht?

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„Nachdem ich bei „Lesestart – Drei Meilensteine für das Lesen“ den Eindruck gewonnen hatte, dass das nichts bringt“ - wie gewinnt man den? Konnten Sie die Wirkung gerade des ersten Sets denn gut beobachten?

Mit der lässigen Begründung könnten die ÖBs ja ihre Bemühungen einstellen - belegt ist da ja auch herzlich wenig.

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Sehr geehrter Herr Hoffmeier,

Sie werfen eine wichtige Frage auf. Die Frage was es bringt.

Lesestart war für mich eine niedrigschwellige Aktion, bei der an Bildung interessierte Familien auch mit Migrationshintergrund (Beiheft auf Türkisch, Arabisch, Englisch, Rumänisch etc) einen Leitfaden erhielten, wie sie ihren Kindern Bildung ermöglichen können. Dazu gab es ein Buch. Dies war stets mit positiven Emotionen bei den Kindern verknüpft und half, den Ort Bibliothek bei ihnen ebenso zu belegen. Ich als Bibliotheksleiter war also nicht glücklich, etwas verschenken zu können, sondern froh, etwas aus meiner Sicht sinnvolles zu tun. Auch auf meinen Jahresbericht hatte das keinerlei Auswirkungen.

Nun aber zu der interessanten Frage des „was bringt es“. Das fällt in den Rahmen der teuren und schwierigen qualitativen Forschung. Und hier können wir uns als gesamtes Bibliothekswesen an die Nase fassen. Denn es gibt wenig bis keine Belege, was unser gesamtes Wirken jeden Tag - vor allem in der Leseförderung - denn bringt. Weder unsere Hochschulen haben darauf Antworten, noch unsere Verbände. Das ist schade. Was bringt denn konkret eine Veranstaltung zur Leseförderung in der Bibliothek? Was die Vorlesestunde? Was der Vorlesehund?

Ich weiß aus eigenen - gescheiterten - Projekten, wie schwer es ist eine Forschungsfrage zur Wirksamkeit in der Leseförderung zu formulieren.

Ich würde hier auch zwischen Lese- und Sprachförderung differenzieren, wenngleich die Gebiete größte Schnittmengen haben.

Und, und das ist der entscheidende Grund für den Schlag ins Gesicht: Wenn ich mir ansehe, welche Programme im Ministerium weiterhin gefördert werden, müsste überall die Frage nach der Wirksamkeit gestellt werden. Da wird aber munter weiter mit der Gießkanne verteilt.

Und ich kann mir jetzt die Broschüre von Lesestart kopieren und zukünftig dann den Eltern die Kopie in die Hand drücken, wenn sie mich fragen, wie sie ihr Kind am besten fördern können.

Beste Grüße

Philipp Maaß

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Hallo DonBib,

die Idee war die einer Vernetzung von Ärzten, Bibliotheken und Schulen in Kombination mit einer „Kaltakquise“. Die Übergabe des Sets sollte ein Gespräch mit den Eltern einleiten. Die offiziell beteiligten Kinderärzte in der Region waren nicht ansprechbar, direkt vor Ort gab es nur eine Kinderärztin. Die Materialien wurden ausgehändigt. Wenn ich mit den Gutscheininhabern sprach kam in der Regel kein Gespräch zustande. Es gab eine Dissertation eines Kinderarztes, der eine Umfrage unter den am Lesestart-Programm beteiligten Kinderärzten gemacht hat. Fazit: Die meisten fanden das Programm sinnvoll, konnten aber nicht einschätzen, ob es etwas gebracht hat.

Nun gibt es in dem zitierten Werk von Egerter u.a. belastbare Aussagen über die Erfolgsbedingungen von Sprachförderung und die Kriterien für Evaluation. Ich habe es gelesen und bin extrem ernüchtert. Ich las auch die Dissertation von Daniela Jung, „Utopie und Illusion“ (9783942158633). Letztere beschäftigt sich mit Lesekompetenz und berichtet von einem Experiment in Hamburg in den Nullerjahren. Dort wurde eine zweite Klasse ein Jahr lang massiv gefördert. Es gab 3 Kontrollgruppen. Die Leseförderung fand auch zuhause und in den Schulferien statt, es gab extra ausgebildete Lehrer, akademisches Monitoring von Leseförderungsexperten der Universität. Am Ende des Jahres schnitt die geförderte Klasse schlechter ab als die nicht geförderten Vergleichsgruppen. Das Förderparadox konnte in den letzten 50 Jahren in den „Reading Wars“ der USA nicht gelöst werden (Daniel Koretz, The testing charade). In Deutschland wurde es kaum diskutiert.

Eine intensive Auseinandersetzung mit diesem Thema kann ich im bibliothekarischen Umfeld nicht erkennen. Wer ist hier lässig?

Sowohl die Leseförderungsberichte (Daniela Jung) als auch die Sprachförderungsstudien (Egerter et. al.) stellen das Thema Evidenzgüte voran. Das sind die drei Kriterien:

  • Es wird der Fortschritt der geförderten Kinder gemessen und nicht die Einschätzung des Personal befragt
  • Es gibt mindestens eine Kontrollgruppe. Alle Kinder machen Fortschritte, aber ob die auf die Förderung zurückzuführen ist, lässt sich nur gegen Kontrollgruppen prüfen.
  • Der Fördereffekt ist auch nach 6 Monaten noch messbar.

Stellen wir uns einmal vor, die Evaluation von interval hätte sich an diesen Evidenzgütekriterien orientiert und das Ergebnis wäre „Nice try, aber nein danke.“ Sollte es veröffentlicht werden? Würden Sie es akzeptieren? Die Evaluation des Lesestart-Programms wurde nicht freigegeben, wir werden es nicht erfahren.
Wir wissen, dass es im Bereich der Sprachförderung im Kleinkindbereich erfolgreiche Programme gibt. Die sind aber hochschwellig, zum Beispiel das Heidelberger Elterntraining. Die meisten Förderprogramme sind offensichtlich nur Vollgas im Leerlauf und im Outcome nicht belastbar, aber opportun.

Skeptische Grüße

Detlev Hoffmeier

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Hallo zusammen,

ich habe die Taschen tatsächlich zweckentfremdet. Ich habe diese gerne bei einer Kindergartenveranstaltung in der Bücherei verteilt und habe einen Flyer von uns beigelegt in dem ich die Eltern angesprochen habe „Ihr Kind war heute in unserer Einrichtung…“ Habe uns als Bücherei kurz vorgestellt und drauf hingewiesen, dass es einen kostenlosen Ausweis für Kinder gibt. So hatten die Veranstaltungen mit den Kindergärten doch noch einen zweiten Sinn, die Sets landeten in der ungefähren Zielgruppe.

grüßle

Wir haben auch angefangen, die Taschen einfach an Kinder passenden Alters rauszugeben - dass mal jemand gezielt danach gefragt hat, ist noch nie vorgekommen.

Bei uns in der Stadt gibt es meines Wissens auch nur eine Ärztin, die an dem Programm überhaupt teilnimmt und die gibt die Taschen auch nur auf Nachfrage raus, zumindest hab ich für meinen Sohn erst welche bekommen, als ich explizit gefragt habe.