Nach 37 Ausleihen in unserer Haupt- und 25 in unserer Zweigstelle hat uns eine Leserin vor Kurzem auf den Inhalt, hier besonders auf die ersten Seiten, des Jugendbuches „Cornibus & Co 1. Ein Hausdämon packt aus!“ von Jochen Till und Raimund Frey (seit 2020 im Bestand) aufmerksam gemacht, in dem es um Nazis und Rassisten geht, die der Chef „persönlich in Empfang nehmen“ will. Auf de Seite davor ist ein Menschenhaufen auf einem Bürotisch gezeichnet, aus dem „Heil!“-Rufe kommen. Dieser Haufen an Menschen (noch immer mit den o.g. Rufen) wird ein paar Seiten später in einen „Salzsäure-Pool“ geworfen.
Die Familie der Leserin hat dieses Buch nicht weitergelesen, obwohl sie am 4. Band der Reihe, mit dem sie begonnen hatten, viel Freude hatten.
Nun möchte ich mal rumfragen: hat das sonst auch noch jemand festgestellt und ggf. Konsequenzen gezogen, d.h. Band 1 der Reihe aus dem Bestand genommen (und die anderen drin gelassen)?
wir haben die Reihe auch in unserem Bestand, Band 1 hat 99 Ausleihen und ist aktuell auch unterwegs, weshalb ich mir kein eigenes Bild machen kann. Eine Beschwerde über diese ersten Seiten ist mir nicht bekannt.
Natürlich lässt sich darüber streiten, ob man das lustig findet, oder ob das für das eigene Befinden angebracht ist. Dann muss es nicht gelesen werden, aber ich wüsste nicht, warum die Konsequenz sein sollte, das Medium aus dem Bestand zu nehmen.
Die einzige (und ja: sehr unprofessionelle) Antwort die mir dazu einfällt ist: „Geht’s noch?“ Was stört die Dame denn im Einzelnen daran? Daß Menschen die mit dem Nationalsozialismus sympathisieren in der Hölle vom Chef persönlich in Empfang genommen werden? (Ein Empfang, der nach meiner Ansicht durchaus einen gewissen Charme hat…). Oder ist sie im Gegenteil der Ansicht, daß die Gefahr bsteht, daß in solch einem Comic die Verbrechen von Nazis und anderen Rassisten auf diese Weise verharmlost werden könnten ? „Finde ich doof, muß weg“ ist nie ein Argument dem wir uns beugen sollten. Wichtig finde ich die Frage was dahinter steckt. Was stört sie so daran? Dann kann man argumentieren und den Comic im Bestand lassen. Ich kenne das Buch übrigens nicht, dies nur zur Info.
Ich kenne das Buch auch nicht, aber bei Amazon in den Kommentaren findet man zumindest die Seite auf denen die Nazis übereinandergestapelt auftauchen. Vielleicht bekommt man da ein besseres Bild vom Buch.
Das Signal, das von einer solchen Sichtweise in meinen Augen ausgeht ist:
Es ist ein Ordnung, Gleiches mit Gleichem zu vergelten (Auge um Auge). Oder vulgo: die Nazis waren/sind böse bzw. tun Böses, also kann man ihnen gleichfalls undifferenziert Böses antun.
Wenn wir als Bibliotheken demokratische Werte - in diesem Fall vor allem: Gerechtigkeit, nicht Rache, keine Stigmatisierung - vermitteln wollen, sollten wir uns nicht mit den Methoden derjenigen gemein machen, gegenüber denen wir diese demokratischen Werte verteidigen wollen. Das macht uns angreifbar.
Daher halte ich es nicht für hilfreich, auf die Kritik der Leserin einfach mit „Geht’s noch?“ zu reagieren. Hier hat sich jemand genau in Bezug auf die o. g. Aspekte Gedanken gemacht, und das ist kein Einzelfall, wenn man sich die Rezensionen zu diesem Band bei amazon anschaut. Eigentlich sollte man sich wünschen, dass mehr Leser/innen bei diesen Themen so genau hinschauen …
Eine einfache Antwort oder pauschale auf die Frage, wie man mit einer solchen Beschwerde umgeht, gibt es vermutlich nicht.
Wir würden ein solches Medium ungeachtet der Reihenvollständigkeit aussondern, weil hier Dinge an Kinder vermittelt werden, die nicht mit unseren Wertvorstellungen zu vereinbaren sind. Aber das wäre explizit unsere Lösung, man kann hier nach Abwägung auch zu anderen Schlüssen kommen.
Wir hatten irgendwann im Frühjahr mal einen etwas aufgebrachten Vater an der Theke, der sich an „Der Tag, an dem Tiffany das Wasser aus der Wanne geschaukelt hat“ störte. Er wisse ja nicht, ob wir sowas wirklich einfach an Kinder rausgeben wollen würden.
Es gibt da eine Passage, in der es (grob aus dem Gedächtnis) heißt: „Was sollen denn dann die Nazis machen?“ - „Was sind Nazis?“ - „Das sind böse Menschen.“ … und das war’s. Und damit hatte er ein Problem.
Was für mich im ersten Moment sehr irritierend war, denn ich finde das persönlich recht treffend zusammengefasst. Im Gespräch mit dem Vater stellte sich letztendlich aber heraus, dass die Unzufriedenheit daher rührte, so unvermittelt in diese Situation geworfen zu werden. Eigentlich wollte er seinem Kind nur ein Kinderbuch vorlesen, von dem alle sagen, dass es total witzig ist. Und plötzlich muss er einem jungen Kind völlig unvorbereitet auf evtl. Nachfragen zum Thema Nazis antworten. Der wirkte auf mich mit der Situation einfach überfordert. Nun ist Kling freilich Kling, aber fairerweise hätte ich damit auch nicht gerechnet in dem Buch.
Kurz: ich würde tatsächlich mal mit der Leserin ins Gespräch gehen, woher der Frust kommt. Sowas könnte ich mir nämlich in der Situation durchaus vorstellen. Wir haben das Buch im Übrigen natürlich nicht aus dem Bestand genommen. Das ist die erste und einzige Beschwerde, die wir dazu je bekommen haben.
Da stimme ich völlig zu, allerdings… dann muss man in diesem Fall die gesamte Reihe aus dem Bestand nehmen, denn immerhin geht es um das Konzept der Hölle. Leider ist dies synonym mit „Gleiches mit Gleichem zu vergelten“. Ob man das gut und richtig findet, und ob man sowas in der Bibliothek verbreiten will, ist bestimmt eine Diskussion wert.
Ihnen ist schon klar, daß ich diese Antwort nicht der Leserin gäbe stünde sie vor mir, sondern mich hier einfach ein wenig flapsig ausgedrückt habe, nicht wahr? Dann ist es ja gut. Natürlich sollten wir uns von Rachegedanken frei machen sofern das möglich ist, schon klar. Aber wenn das Thema eines Buches nun eine Rachephantasie, ein Wie-du-mir-so-ich-dir-Szenario ist, und der Protagonist das auch bis zum Schluß durchzieht und keine Katharsis durchlebt, was dann? Sollen wir die Bücher aus dem Bestand nehmen? Es gibt Bibliotheken die Filme wie „The Equalizer“ oder „John Wick“ im Bestand haben. Für mich ein Brechmittel, für andere schlicht Unterhaltung. Rache wird da ganz groß geschrieben. Es gibt Gründe, sowas aus dem Bestand zu nehmen, und es gibt Gründe, das nicht zu tun. Wie gesagt, meine Eingangsbemerkung war zugegebenermaßen provokativ. Hat ja gut funktioniert.
Ich sehe keinen Grund, warum man die gesamte Reihe aus dem Bestand nehmen sollte. Wir reden hier, so habe ich das verstanden, nur über einen einzigen Band, der in der Kritik steht.
Das war mir durchaus bewußt, als ich geantwortet habe.
Da bin ich ganz bei Ihnen. Wir sind uns, so verstehe ich Ihre Reaktion, einig darin, dass es sehr viele Medien in unseren Beständen gibt, deren Inhalte und/oder Darstellungsweisen man je nach Betrachtungsweise oder ganz generell fragwürdig finden kann.
Aber in dieser Diskussion ging es zunächst einmal nur um einen einzigen Titel, um die ganz konkrete Darstellung des Umgangs mit Nazis, das Bild, dass das bei Kindern erzeugt und die Tatsache, dass sich konkret Eltern darüber beschweren, dass sie in einem Kinderbuch unerwartet mit dieser Situation konfrontiert werden. Nicht mehr, und nicht weniger. Darauf - und nur darauf - bezog sich mein Kommentar.
Dann erklären Sie mir vielleicht das Prinzip „Hölle“, es kann natürlich sein, dass ich dies als nicht-Christin falsch verstanden habe. Aber es geht dort nicht generell um die Bestrafung von „bösen“ Personen? Es ist für mich nicht schlüssig, einen Band aus dem Bestand zu nehmen, weil in diesem Leute für ihre Taten bestraft werden, wenn das gesamte Prinzip der Hölle auf ebendiesem beruht.
Nein, @scp_2602 , das müssen Sie bitte mit sich selbst ausmachen, wie jede/r von uns. An einer theologischen Grundsatzdiskussion werde ich mich nicht beteiligen.
Das ist halt schwarzer Humor. Ich finde das lustig, andere nicht - aber sie müssen es ja nicht lesen. Bibliotheken sollten nicht ihr Fähnchen nach dem Wind einer einzelnen Nutzerin hängen, wenn es um provokante Inhalte geht.
Sie übersehen, dass es sich hier um ein humoristisches Werk handelt, das Provokation als Stilmittel einsetzt, nicht um einen politischen Essay. Sie können nicht einfach davon ausgehen, dass es Position des Buches ist, es sei ok, Nazis in ein Salzsäurebad zu werfen oder ihnen sonstwie Gewalt anzutun. Bücher aus solchen Gründen aus dem Bestand zu entfernen, ist Bevormundung der Nutzenden.
Ich darf ja anscheinend keine „theologische Grundsatzdiskussion“ führen, aber in einem Humor-Comic über die Hölle werden wohl mal Dinge passieren, die im kulturellen Allgemeinverständnis nun mal in der Hölle passieren… kann man gut finden, kann man schlecht finden, kann man im Bestand lassen oder nicht.
Wir haben viele Bücher im Bestand, mit dessen Inhalt ich nicht d’accord gehe. Wir haben auch Bücher, die ich, völlig wertfrei, einfach langweilig oder irgendwie doof finde, und die lege ich dann einfach weg.
Wenn nach über zwanzig Ausleihen eine Leserin ein Problem damit hat, dann tut mir das aufrichtig Leid, aber die Bestandsentfernung halte ich für eine Überreaktion.